Das "Doggerwerk" bei Happurg (Nürnberger Land)
Zur Geschichte und Geologie einer unterirdischen Rüstungsfabrik
von Alfons BAIER und Dieter FREITAG

Die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges waren in Deutschland gekennzeichnet durch alliierte Luftangriffe auf Fabrikanlagen und Wohngebiete. Zu Beginn des Jahres 1944 waren die deutschen Flugzeugwerke im zunehmenden Maße das Ziel alliierter Bombardierungen geworden. Der für das Frühjahr 1944 zu erwartende starke Rückgang in der Fertigung von Militärflugzeugen sollte demzufolge durch wirksame Maßnahmen aufgefangen werden. Um die für die Kriegsführung notwendige Rüstungsproduktion aufrecht zu erhalten und sogar steigern zu können, mußte die Verlagerung von kriegswichtigen Betrieben in bombensichere Räume erfolgen.

Die neu zu erschließenden Produktionsstätten und deren Dislozierung unterlagen von Beginn an der Geheimhaltung. Es wurden Bezeichnungen wie "Südwerk", "Ostwerk", "Mittelwerk" oder "Doggerwerk" entsprechend der Lage dieser Werke im Deutschen Reich eingeführt. Diese Tarnnamen deuten bereits darauf hin, daß das komplizierte Zusammenwirken aller am Bau beteiligten Personen und Ämter unter strengster Geheimhaltung ablief.

Im Frühjahr 1944 wurde so der Betriebsführung der Bayerischen Motorenwerke München (BMW) befohlen, die Fertigung der Flugzeugmotoren "BMW 801" vom Werk II (Allach b. München) in den Bergstock der Houbirg zu verlagern. Die "BMW-Verlagerung Hersbruck" bekam die Objekt-Nummer "B 521" und - zunächst - den Tarnnamen "Esche l" zugeteilt. Dieser Deckname wurde im Januar 1945 in "Dogger" umgewandelt. Die Bausumme für 1944 wurde mit 15 Mio. Reichsmark angesetzt.

Zur Klärung der Frage, weshalb nun die Verlagerung der "BMW-801"-Produktion von derart immenser Bedeutung war, ist ein kurzer historischer Exkurs in die Rüstungstechnologie nötig: Der Flugzeugmotor "BMW 801" war eine völlige Neukonstruktion und sollte als Einheitstriebwerk in der ehemaligen deutschen Luftwaffe Verwendung finden. Er wurde als luftgekühlter Vierzehnzylinder-Sternmotor mit Einspritzung entwickelt; zur Leistungssteigerung bzw. zum Leistungserhalt in größeren Flughöhen war dieser Motor mit einer Aufladung durch ein mechanisch von der Kurbelwelle angetriebenes Ladegebläse versehen. Bei den zahlreich gebauten Versionen bewegten sich die Startleistungen zwischen 1600 PS (Grundversion "BMW 801 A") und 2270 PS (Version "BMW 801 TQ" mit Abgas-Turbolader und Wasser-Methanol- Einspritzung). Der Einheitsmotor "BMW 801" fand in 16 verschiedenen Flugzeugtypen der damaligen deutschen Luftwaffe Verwendung, so z.B. im Jagdflugzeug Focke Wulf Fw 190. Dieser Motortyp war darüber hinaus für weitere 23 geplante, teilweise futuristisch anmutende Flugzeugentwicklungen vorgesehen.

Das Doggerwerk war konzipiert als ein Gitternetz von bis zu 7 m breiten und 5 m hohen Längs- und Querstollen. Hiervon wurden bis zur Einstellung der Bauarbeiten im April 1945 drei Längsstollen mit Gesamtlängen zwischen 270 m und 400 m in den Berg getrieben, welche jedoch nur zum Teil ausbetoniert sind.

Die -- teilweise fertig ausgebauten -- Querstollen verbanden alle 20m die Längsstollen miteinander. Für das "Doggerwerk" waren insgesamt 11 Eingänge geplant, wobei vier große Stollenausgänge für den Kraftwagenverkehr und eine große Ausfahrt für eine zweispurige Eisenbahnlinie vorgesehen waren. Im unterirdischen Stollensystem waren ursprünglich 180.000 m2 Fertigungsfläche geplant, die im Laufe der weiteren Bauausführung auf 95.000 m2 reduziert wurden. Bis Kriegsende wurden 4,2 % dieser Fläche ausgebrochen und ausbetoniert, weitere 10,6 % wurden angefahren, jedoch nicht mehr ausbetoniert. Somit beinhaltet das heutige "Doggerwerk" 3.935 m2 Stollenfläche mit Betongewölben und weitere 10.000 m2  Stollenfläche ohne Betonausbau. Die bis 1945 fertiggestellten Stollen umfassen also nur 15 % der ursprünglich geplanten Anlage. Insgesamt wurden für den Stollenbau bis Kriegsende etwa 550.000 m3 Doggersandstein aus dem Berg gebrochen.

Heute weisen nur noch wenige Spuren darauf hin, daß vor etwa fünfzig Jahren in der Houbirg an einer unterirdischen Rüstungsfabrik gebaut wurde. Die Stolleneingänge wurden in den ersten Nachkriegsjahren vermauert. Nur im nordwestlichsten Stollenmundloch wurde ein Zugang freigehalten, welcher durch eine massive Tresortür gesichert ist. Die zubetonierten Stolleneingänge, einige Betonbehälter, die Überreste von Lastenaufzügen, ein aufgelassener Bahndamm vom Bahnhof Pommelsbrunn zum Nordwesthang der Houbirg sowie zwei Denkmäler für die KZ-Opfer stellen heute die einzigen für die Öffentlichkeit zugänglichen Zeugnisse jenes gigantomanen Bauunternehmens dar. Die Stollenanlage selbst befindet sich im gleichen Zustand wie 1945, ist jedoch aufgrund zunehmender Einsturzgefahr für die Öffentlichkeit gesperrt.

Wer sich weiter für die geologische Seite des Doggerwerkes und ähnlichem interessiert, sollte unbedingt die Seiten von Dr. A. Baier, von wo dieser Ausschnitt im Original stammt, besuchen. Dort ist die Geologische Seite ausführlicher beschrieben.

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