Konzentrationslager Ebensee (Code Zement)
In der deutschen Kriegswirtschaft erwies sich der Arbeitskräftemangel als eines der größten Probleme. Nach dem Scheitern des " Blitzkrieges" im Osten gegen die Sowjetunion verlangte die Industrie nach mehr Arbeitskräften! Diese fand man im zwangsweisen Einsatz von zivilen Ausländern/innen, Kriegsgefangenen und KZ- Häftlingen.
Im März des Jahres 1942 einigten sich die SS und die Rüstungsindustrie , bei den Fabriken Arbeitslager einzurichten. So entstanden auch in Österreich in den Jahren ´42 bis ´45 zahlreiche Außenstellen von Konzentrationslagern. Eines davon auch in der Nähe des Ortes Ebensee südlich des Traunsees.
Die in der " Luftschlacht um England" erlittenen Verluste an Menschen und Material und die zunehmende Überlegenheit der Alliierten hoffte die deutsche Führung durch neue Waffensysteme zu kompensieren.
Nachdem am 3.Oktober ´42 der erste erfolgreiche Start einer A4-Rakete (V2) in der
Heeresversuchstelle Peenemünde (Ost) gelang, begann man sofort mit der Vorbereitung einer Serienproduktion. Material und Arbeitskräfte (KZ-Häftlinge) wurden der Raketenrüstung bevorzugt zugeteilt. Der erste große
Luftangriff auf Peenemünde in der Nacht zum 18. August ´43 verursachte großen Schaden. Er zeigte aber auch, daß die geheime Versuchsanstalt Peenemünde enttarnt und vom Gegner als solche erkannt war.
Da auch die Produktionsstätten der neuen Waffen in zunehmenden Maße den Luftangriffen der Alliierten ausgesetzt waren, wurde die
Produktion der Rakete in einer unterirdischen Anlage im Kohnstein bei Nordhausen zentralisiert. Die Forschungsanlagen von Peenemünde sollten gleichfalls in den Untergrund verlegt werden.
Mangels geeigneter Anlagen entschied man sich für einen Neubau in Ebensee. Ebensee wurde wegen der günstigen geologischen und topographischen Gegebenheiten ausgewählt. Die dichte Bewaldung, ein bereits bestehender
Steinbruch und die günstigen Verkehrsanbindungen durch Bahn und Straße boten gute Voraussetzungen . Am 20. September 43 erteilten das Heereswaffenamt und Rüstungsminister Albert Speer der Waffen-SS den Auftrag zur Durchführung des
Projektes. Ziel war die Verlagerung der Entwicklungsstelle für die Produktion von A4-Raketen .
Die Planung sah ein Gesamtbauvolumen von
220.000 cbm für die "Anlage A" vor, in der alle wesentlichen Teile der geplanten Raketenforschungsstelle untergebracht werden sollten.
Die "Anlage B", die Raketenprüfstände, war mit 70.000 cbm projektioniert.
Beide Anlagen sollten Ende des Jahres ´44 in Betrieb gehen. Doch diese Terminvorgaben erwiesen sich als zu knapp. Technische Probleme und die Dringlichkeit anderer
Rüstungsproduktionen erforderten mehrfache Umplanungen
Nachdem die deutsche Treibstoffproduktion durch alliierte Luftangriffe empfindlich getroffen war, wurde die "Anlage A" ab Sommer ´44 für die
Raffinade von Erdöl genutzt. Auch der Plan einer Vergrößerung von "Anlage B" zur Unterbringung der Versuchsanstalt mußte fallengelassen werden. Durch den Rückzug der deutschen Truppen an allen
Fronten mußten die in besetzte Gebiete ausgelagerten Produktionen ins Reich zurückverlagert werden. Somit wurde in die "Anlage B" die Produktion der Steyer-Daimler-Puch AG untergebracht. Das war das vorzeitige Ende einer
Raketenversuchsanstalt in Ebensee.
Bedeutende Veränderungen brachte die Großbaustelle für die Gemeinde Ebensee. Durch die Beschlagnahme von Unterkünften für Verwaltungspersonal, zivile inländische Arbeitskräfte und ausländische Zwangsarbeiterinnen kam es zu einem akuten Wohnungsmangel. Trotz der strengen Geheimhaltung der SS konnten die Vorgänge im Lager der Bevölkerung nicht verborgen bleiben.
Das KZ Ebensee war das erste Lager, das für den
Neubau einer unterirdischen Anlage eingerichtet wurde. Es war als Arbeitslager konzipiert. Die Häftlinge wurden vom Hauptlager KZ Mauthausen für die Dauer des Arbeitseinsatzes abgestellt. Die SS vermietete die Insassen an die
beauftragten Firmen. Der körperliche Zustand der für den Arbeitseinsatz ausgesuchten Häftlinge verschlechterte sich relativ schnell. Elf Stunden harte Arbeit ohne Unterbrechung, immer in Bewegung mit der Angst vor
Repressalien durch die Kapos oder die SS, dazu die schlechte Ernährung mit 600 bis 800 Kalorien am Tag forderte schnell ihren Tribut. Hinzu kam noch der mehrere Kilometer lange Weg vom Lager zu den Stollen und wieder zurück. Bei
ständigem Arbeitskräfte- mangel setzten die Firmen durch, daß auch die wegen Krankheit arbeitsunfähigen Häftlinge zur Arbeit abgestellt werden mußten. Die Erholungs-bzw. Nachtzeiten der Lagerinsassen wurden noch durch ständige Zählappelle
verkürzt. Die Tage begannen mit einem Appell und endeten mit einem solchen. Dabei mußte auf dem Appellplatz angetreten werden, egal welche Wetterbedingungen herrschten. Die SS ließ die Gefangenen, die nur mit
Lumpen, teilweise ohne Schuhwerk, bekleidet waren, nach belieben warten.
Erkrankte Häftlinge wurden nur dann medizinisch versorgt, wenn Aussicht auf rasche Heilung und Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft bestand. War dies kurzfristig nicht möglich, wurden die Häftlinge in das KZ Mauthausen zurückgeschickt und gegen neue ausgetauscht.
Das KZ Ebensee wurde außerhalb des Ortes in dicht bewaldetem Gelände errichtet. Zur
besseren Tarnung waren die Baracken zwischen den Bäumen in unregelmässigen Abständen angeordnet.
Neben den 32 Unterkunftsbaracken gab es mehrere Wirtschaftsgebäude, die im Halbkreis um den Appellplatz angeordnet waren. Um das Lager
waren mehrere elektrisch geladene Zäune.
Der "SS-Führungsstab Zement", die Forschungsanstalt Peenemünde, wie auch die Baufirmen hatten Interesse an einer effizienten Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge. Dennoch ergriffen sie keine Maßnahmen, den Terror der SS zu verhindern. Nach der NS-Rassenideologie standen Zigeuner und Juden auf der untersten Stufe der Hierarchie und hatten demnach die geringsten Überlebenschancen.
Nachrichten von den Erfolgen der Alliierten steigerten die Nervosität der SS-Lager-
leitung. Es wurde nach Möglichkeiten gesucht, sich der Häftlinge zu entledigen.
Als letzte Maßnahme war geplant einen alliierten Luftangriff vorzutäuschen, die
Insassen des Konzentrationslagers "zu ihrer eigenen Sicherheit" in Stollen 9 zu treiben und diesen dann zu sprengen. Damit wären die meisten Zeugen ausgelöscht worden. Der geplante Massenmord wurde aber von Angehörigen der
Wehrmacht verraten. Die Häftlinge weigerten sich erfolgreich!
Angesicht der anrückenden U.S. Army verließ daraufhin die SS das Lager. Die amerikanische Armee erreichte am 6.Mai ´45 das Lager.
Trotz rascher Hilfe starben noch viele Menschen an den Folgen der Haft. Auch die damalige Unkenntnis in der Behandlung von völlig entkräfteten und fast verhungerten Menschen forderte eine Menge Opfer! Die plötzliche Umstellung auf nahrhafte Kost verkrafteten die ausgezehrten Körper nicht! Tödliche Darmerkrankungen waren die Folge. Durch umgreifende Maßnahmen wie: Säuberung des Lagers, Verbesserung der Ernährung und umfangreiche ärztliche Betreuung besserten sich die Zustände im Lager, die Todesrate ging von täglich 450 auf 18 zurück!
Die US-Untersuchungskommission zeigte besonderes Interesse für das moderne System des
Stollenausbaus. Die Verwendung von Betonfertigteilen, die nicht in Verbindung mit dem Fels standen und einfach gegen eindringendes Wasser abgedichtet werden konnten, erlaubten einen beschleunigten Ausbau der Stollen.
Nach dem Krieg und der Phase der Entnazifizierung versuchten die Bürger der Stadt Ebensee alle Andenken an das ehemalige Konzentrationslager auszulöschen! Das Lager wurde abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht. Auf dem Gelände entstand ein Vorort der Stadt. Nur das Lagertor blieb auf Druck höherer Stellen bestehen! In den ´80iger Jahren wurde dann die Gedenkstätte eröffnet.
Dort in Stollen 5, dem einzigen mit originalem Betonausbau, wird den Besuchern anschaulich das Leben und Leiden im Konzentrationslager Ebensee erklärt.
Dieser Bericht wurde verfasst von Heiko Miebach
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